Schwerpunkt: Vegane Produkte

Aber bitte mit "ohne"

Ein Artikel von Johannes Lau | 23.02.2021 - 14:18
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© Flaffy/shutterstock.com

In den eigenen Körper haben vermutlich 2020 noch mehr Menschen reingehört als sonst. Daher wurden auch bei der Ernährung vermehrt Produkte nachgefragt, die den Organismus mit gesunden Nährstoffen versorgen. „Das Segment der ,Frei von‘-Produkte, also etwa laktosefrei, glutenfrei, aber auch vegane Produkte, ist im vergangenen Jahr stark gewachsen“, bilanziert Rewe-Sprecher Paul Pöttschacher.  Es bleibt aber noch abzuwarten, ob sich die Bio-Nische bei dieser LEH-Größe vollends etabliert. Laut Pöttschacher könnten auch äußerliche Einflüsse, wie etwa die Schließung der Gastronomie und der verstärkte Konsum zu Hause, Faktoren für den Boom sein. Grundsätzlich verzeichne Rewe aber eine verstärkte Nachfrage bei „free from“-Produkten. Gerade die Eigenmarken Vegavita oder Simply Good haben sich im vergangenen Jahr in etwa doppelt so stark entwickelt. Nicole Berkmann, Unternehmenssprecherin von Spar, legt sich dagegen fest: Das sei keine kurze Mode, sondern diese Tendenz werde sich weiter verstärken: „Gesundes und natürliches Essen ist DER Trend der Zeit. Vegane Produkte erfreuen sich großer und steigender Beliebtheit. ,Clean‘-Produkte, bei denen auf Natürlichkeit geachtet wird, sind seit Jahren im Vormarsch.“ Die gesteigerte Nachfrage zwingt die Hersteller, ihr Sortiment zu vergrößern, und das nimmt wiederum den Händlern etwas Arbeit ab, konstatiert Berkmann: „Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Anbietern und Produkten. Daher muss man nicht mehr, wie noch vor einiger Zeit, schauen, ob man überhaupt was Passendes fürs Sortiment findet. Sondern man muss schauen, welche Produkte sind gerade im Trend, welche sind gefragt, welche muss man haben.“

Die Hürden bei der Konsumentenakzeptanz werden immer geringer, da sich die Konsistenzen und Geschmacksrichtungen der Alternativen stetig verbessert haben.

Julia Schulz, Denn's

Der Wunsch nach Alternativen

Discounter wiederum stehen ja im Ruf, dass dort die Kunden allein auf den Preis schauen, womit in der Regel teurere Produkte wie die oben genannten nicht ins Sortiment passen. So kalkuliert man aber auch bei Lidl schon seit einer Weile nicht mehr: „Der Wunsch nach veganen Alternativen ist in den vergangenen Jahren gewachsen“, sagt Unternehmenssprecher Hansjörg Peterleitner: „Wir entwickeln unser Sortiment entlang der Wünsche unserer Kunden immer weiter.“ Gerade zum Jahresanfang wurde das vegane Sortiment um 15 neue, dauerhaft erhältliche Produkte erweitert. Die großen Player scheinen den Experten da gerade etwas das Wasser abzugraben: Bei einem schon länger auf solche Produkte spezialisierten Händler wie der Bio-Kette Denn‘s sah man laut Marketing-Managerin Julia Schulz 2020 nämlich keinen großen Boom in diesem Bereich: „Wir konnten keinen besonderen Trend in Richtung einer Verschiebung der Nachfrage erkennen. Das Verhältnis zu den restlichen Produkten blieb gleich.“ Langfristig habe man aber schon auch von diesem Trend profitiert: „Wir bei Denn‘s freuen uns über einen wachsenden Zuspruch an Konsumenten, die sich so ernähren wollen.“ Das liege auch daran, dass sich die Produkte verändert haben: „Die Hürden bei der Konsumentenakzeptanz werden immer geringer, da sich die Konsistenzen und Geschmacksrichtungen der Alternativen stetig verbessert haben.“ Eine etablierte Marke im Bio-Bereich spürt diesen Aufwind auch: Alnatura verzeichnete im vergangenen Jahr im Segment der vegetarischen und veganen Produkte ein Wachstum im hohen zweistelligen Bereich, berichtet Österreich-Standortleiterin Irmgard Schuhmann-Lucny: „Immer mehr Menschen möchten nachhaltiger einkaufen und sich bewusst ernähren. Diese Entwicklung wird sich auch 2021 weiter fortsetzen.“ Und dafür sieht man sich ausreichend gerüstet: „Der Großteil unserer Alnatura-Bio-Produkte ist ohnehin vegetarisch oder vegan. Für andere Produkte entwickeln wir regelmäßig vegane Rezepturen.“

Den großen Appetit auf gesündere und daher vor allem zuckerreduzierte Produkte will auch ein Unternehmen befriedigen, das man in der Regel nicht mit gesunder Ernährung assoziiert: Coca-Cola. Doch schon länger beackert man das Feld bekanntlich mit den Marken „Coke light“ und „Coke zero“, die sich auch im Vorjahr positiv entwickelt haben: „Das Wachstum im Volumen von Coke zero, Coke zero Lemon und Coke light betrug in der letzten Kalenderwoche 2020 ein Plus von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr“, rechnet Christoph Till, Vertriebsleiter Coca-Cola HBC Österreich, vor. Einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von „Ohne“-Produkten und der Corona-Pandemie sieht er nicht. „Der anhaltende Trend, sich kalorienarm und bewusst zu ernähren, hält seit geraumer Zeit an. Das spürt man auch am Getränkeregal. Unsere zuckerfreien und zuckerreduzierten Produkte werden generell sehr gut angenommen.“ Von 2015 bis 2025 habe man sich gemeinsam mit der alkoholfreien Erfrischungsgetränkeindus­trie in Österreich dazu verpflichtet, den Zuckergehalt in Limonaden um 15 Prozent zu reduzieren.

Am falschen Fuß erwischt

Auf Zuckerreduktion setzt man auch beim Safthersteller Höllinger: „Das Weglassen von Zucker haben wir uns seit 15 Jahren auf die Fahnen geschrieben. Die größte Herausforderung liegt für einen Bio-Hersteller in der Rezeptur. Wir haben hier fast keinen Spielraum.“ Der Spielraum wurde im letzten Jahr auch durch Corona eingeschränkt: „Uns hat die Krise am falschen Fuß erwischt.“ In Erwartung auf einen Frühling, in dem die Leute wieder durstiger sind, waren die Lager voll. 20.000 Flaschen wurden daher verschenkt. Jedoch bekam man später noch die Kurve: „Unsere Fruchtsäfte und Sirupe haben grundsätzlich so stark zugelegt, dass wir mit einem kleinen Umsatzminus von vier Prozent abschließen konnten.“ Trotz eigenem Minus hält aber auch Höllinger die Gesamtsituation für einen Wachstumstreiber: „Die Menschen achten coronabedingt jetzt noch mehr auf ihr Wohlbefinden. Es wird nach Produkten gesucht, die zu 100 Prozent natürlich sind.“ Das freut Daniel Mayrhofer, Geschäftsführer des Start-ups Saftgarten: „Der Trend steigt tendenziell. Wir erwarten uns eine weiterhin ansteigende Nachfrage an veganen, nachhaltigen und hochqualitativen Produkten.“ Diese Adjektive habe man von Anfang an im Firmenkonzept verankert, weshalb man jetzt hofft, damit die Ernte einzuholen: „Wir sind gegenüber 2021 sehr positiv eingestellt.“ Schließlich habe gerade 2020 ein Umdenken in vielen Bereichen gebracht: „Letztes Jahr zeigte sich, wie schnell unser Wirtschaftssystem aus den Fugen geraten kann. Wir sind der Meinung, dass sich gerade in schwierigeren Zeiten immer auch positive Aspekte herauskristallisieren. Alles in allem konnten wir mit Sicherheit sehr viel daraus lernen.“ Das gilt auch für den Bereich der Ernährung.