Alpengummi

Kau g´scheit!

Ein Artikel von Angelika Kraft | 19.07.2021 - 11:01
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Sandra Falkner und Claudia Bergero bei der Arbeit. © Wolfgang Riepl

Warum kaut man etwas, das man nicht essen kann? Gute Frage – und trotzdem kauen wir Menschen schon seit rund 9.000 Jahren Kaugummi. Damals wurde er noch aus Baumharz hergestellt und schmeckte eigentlich nach … nichts. Auch als die ersten modernen Kaugummis 1848 nach Amerika kamen, waren diese noch aus Baumharz und eher geschmacklos. Nach und nach wurde das Harz durch billigeren Kunststoff ersetzt und mit Geschmacksstoffen aromatisiert. Damit war der Siegeszug des „Bubble Gums“ nicht mehr aufzuhalten.

Gründe & Grauen des Kauens
Doch noch einmal zurück zur Ausgangsfrage: Warum kaut man etwas, das man nicht essen kann? Tatsächlich gibt es dafür ein paar gute Gründe. Kaugummi kauen hilft gegen Stress, gegen Mundgeruch und – in der zuckerfreien Variante – sogar gegen Karies. Und natürlich macht Kaugummi kauen Spaß, man schaut mit einem Kaugummi im Mund immer ein bisschen cooler aus als ohne und wer damit auch noch Blasen machen kann, ist sowieso der heimliche Star. Nicht ohne Grund werden weltweit jedes Jahr 580.000 Tonnen Kaugummi gekaut (Quelle: Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie).
Auf der anderen Seite erzeugen achtlos ausgespuckte Kaugummis unschöne Flecken auf dem Gehsteig und wer schon einmal in fremde Kaugummis unter der Tischplatte gegriffen hat, erinnert sich mit Grauen daran. Das Problem: Handelsübliche Kaugummis sind nicht oder nur schwer biologisch abbaubar und sie lassen sich nicht mit einfachen Mitteln wie Fegen oder Bürsten von der Straße entfernen. In Deutschland werden jedes Jahr 900 Millionen Euro für die entsprechende Reinigung der Straßen ausgegeben.
Auch aus gesundheitlicher Sicht sind „Kautschis“ bedenklich, denn sie werden aus synthetischen Polymeren, also aus Kunststoff auf Erdölbasis, hergestellt. Aus ähnlichen Substanzen bestehen beispielsweise auch Gummihandschuhe, Autoreifen und Klebstoffe – und das finden manche Menschen überhaupt nicht so toll.

Der erste natürliche Kaugummi
An der Stelle kommen Sandra Falkner und Claudia Bergero ins Spiel. Sie haben den ersten natürlichen Kaugummi aus Kiefernharz erfunden. Der passende Name: Alpengummi. Alpengummi besteht zu 100 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen und ist somit auch biologisch abbaubar. Die Kaumasse ist aus Baumharz und Bienenwachs. Für die Süße setzen die beiden Erfinderinnen Birkenzucker (Xylit) ein, das schadet den Zähnen nicht – ganz im Gegenteil, soll es sogar gut für die Reinigung der Beisserchen sein. Das natürliche Aroma der Waldminze oder der Erdbeere sorgen für einen extra erfrischenden Geschmack.
Auf diese außergewöhnliche Idee kamen die beiden Wienerinnen 2016 während ihres Studiums der Umweltwissenschaften an der BOKU. „Eigentlich begann alles mit dem spannenden Rohstoff Harz. Wir haben überlegt, was man damit anstellen könnte“, erinnern sie sich, „dabei haben wir herausgefunden, dass Baumharz quasi der Ur-Kaugummi ist“.
Im Labor wurde zwei Jahre lang am perfekten Rezept getüftelt, bis der erste Prototyp geboren wurde, mit dem sich die beiden Erfinderinnen in die Show „2 Minuten 2 Millionen“ wagten. Das Angebot von Hans-Peter Haselsteiner - 150.000 Euro für 25 Prozent plus eine Stimme – lehnten die beiden jedoch ab. Bereut haben sie diese Entscheidung nicht: „Wir wollten keinen Investor, der uns nur Geld zur Verfügung stellt, sondern einen echten Business Angel aus dem Lebensmittelbereich, der uns auch mit einem gewinnbringenden Umfeld und einem starken Netzwerk unterstützen möchte“, erklärt Falkner, „medientechnisch war diese Sendung aber natürlich ein Hit.“

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© Bergfalke GmbH

Hubert & Helga
Über die Crowdfounding-Plattform Startnext gelang es den beiden im Jahr 2020 knapp 28.000 Euro aufzustellen und damit zwei neue Maschinen (Kneter „Hubert“ und Portioniermaschine „Helga“) anzuschaffen. Zusätzlich erhielten die beiden Gründerinnen eine Förderung der Wirtschaftsagentur Wien für den Kauf der beiden Geräte.
Lange Zeit produzierten die beiden ihren Alpengummi nämlich in reiner Handarbeit in ihrer kleinen Manufaktur. „Nach dem Kauf der beiden Maschinen und nach langer Suche haben wir ein Familienunternehmen im zehnten Wiener Gemeindebezirk gefunden, das nun unsere Alpengummis herstellt“, freut sich Falkner.
Der Rohstoff für den Alpengummi, das Harz, kommt von sogenannten Pechern. „Leider gibt es nicht mehr viele aktive Pecher in Niederösterreich“, bedauert Falkner, „ich würde sagen, es sind noch eine Hand voll“. Zur Pechgewinnung wird von der Rinde ein Stück abgehobelt. Der Baum versucht, die „Wunde“ mit einem Pflaster aus Harz zu verschließen. Der Pecher sammelt das Harz in kleinen Tontöpfen – pro Baum pro Jahr etwa vier bis sechs Kilogramm – und liefert damit die Rohmasse an das junge Startup.

Pläne für die Zukunft
Zurzeit gibt es Alpengummi in den vier Geschmacksrichtungen Waldminze, Erdbeer-Basilikum, Wacholder und Zimt. „Waldminze ist natürlich die klassischste Variante und daher am beliebtesten“, so Falkner, „aber auch die anderen Sorten, die teilweise sehr ausgefallen sind – wir sind weltweit die einzigen, die die Sorte Wacholder anbieten – verkaufen sich sehr gut“. Rund 7.000 Packungen gehen pro Jahr an kauwillige Konsumenten – ungefähr die Hälfte davon wird online bestellt, der Rest über ausgewählte Drogerie- und Biomärkte, Apotheken sowie über einige Adeg-, Spar- und Unimarkt-Kaufhäuser. Kooperationen mit größeren Handelsketten sind natürlich erwünscht, „doch zuvor möchten wir das Produkt noch etwas weiterentwickeln“, so Falkner, „unter anderem arbeiten wir derzeit an einer Verlängerung des Mindesthaltbarkeitsdatums, an einer neuen Verpackung sowie an der Geschmacksdauer. Diese Schritte sehen wir als essentiell, bevor wir in die breitere Masse gehen.“
Darüber hinaus gibt es natürlich noch weitere Pläne: „Wir möchten gerne unsere Goodie-Schiene weiter ausbauen, da wir im Alpengummi als Werbesäckchen großes Potential sehen. Abgesehen von Holzkugelschreibern ist die Werbebranche hinsichtlich Nachhaltigkeit ja noch etwas hinten nach“, ist Falkner überzeugt.

www.alpengummi.at